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Sonia Steidle

 

Sonia Steidle, Licht und Schatten

Sommer und Farbe, dieses Paar ist unserem Gedächtnis intensiv eingeschrieben. Zu Winter und zeitigem Frühjahr jedoch assoziiert man die Umrissform: Gräser, Zweige, ausgereifte Fruchtstände, Bäume - alles scheint nur Silhouette. Doch bringen Licht und Schatten im zwielichtigen Dämmer der Tage von November bis März mehr hervor. Zwischen Hell und Dunkel vermittelt manch noch so schwach wahrnehmbare Farbe. Komplementärkontraste bilden sich langsamer, werden dafür intensiver empfunden. Dem fixierten Schauen verwendet sich das Dämmerlicht in eine Szene voll subtiler Farbigkeit. Hier setzt Sonia Steidle mit ihrer neuen Malerei ein und folgt den Farben im winterlichen Spiel von Licht und Schatten.

Regina Lange

Ausstellung Sonia Steidle "Licht und Schatten"      Relate art, Meilen / ZH, 14.1.- 3.3.2007

 

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Ungewöhnlich und überraschend wirken Sonias Steidles Pflanzenbilder. Manche von ihnen nehmen die Form von Holzlatten an, sind schmal gebaut und umzäunen ihre dargestellte Vegetation mit kraftvollen Farben. Andere wiederum sind großformatig und öffnen sich dem Raum, dessen Bildfläche wie in einem Schattenspiel von Blattwerk und Geäst nach allen Seiten hin durchtanzt wird.

Die Blume steht als Metapher für die Vergänglichkeit und Wiedergeburt, noch ist sie da, bald nicht mehr, und dann von neuem. An dieses unerschöpfliche Reservoir knüpft Sonia Steidle mit ihren Pflanzenbildern an, wobei das Blumige der Pflanze zurücktritt, weggerückt von blauer Romantik oder illustrativem Kitsch. Die Sache selbst soll in Erscheinung treten, in konstruktiver Strenge wie in der architektonischen Wiedergabe von Stängelgebäuden oder von Beeren, die Atommodellen gleichen. So gibt es neben rot gemalten Vogelbeeren auch blaue oder durch die Pflanze leuchtet wie bei einer Röntgenaufnahme ihr Querschnitt auf.

Sonia Steidles Pflanzenlatten suggerieren Natur und setzen ihr riesiges Inspirationspotential bildnerisch um. Ihre Latten scheinen mit ihren genauen Maßen wie ein Bett gezimmert für die Pflanzen, in dem sie sich zur Paarung oder Niederkunft bereiten, prall gefüllt mit zukünftigem Leben oder - wie in einem Sarg - schon von ihrer Vergänglichkeit gezeichnet mit abgestorbenen Blütenresten. Sie sind Ausdruck davon. dass es viele Formen von Schönheiten gibt, denn auch das Verblühte ist schön, sagt Sonia Steidle.

Dabei lässt sich die Künstlerin von der Frage leiten, was das Wesentliche, die Essenz eines Bildes ist und dafür steht ihr Verfahren, so lange zu reduzieren, bis sie das Bild auf den Punkt gebracht hat - als ein Energiefeld, das lange nachwirkt.

Sabine Osswalt

Text zur Eröffnung der Ausstellung Galerie am Berg, Offenburg 2006

 

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Lustvoll, farbig leuchtend, frisch und unbekümmert wirken die Pflanzenporträts von Sonia Steidle auf den ersten Blick. Man spürt die Freude, mit der sie ihre Modelle im eigenen Garten hegt, aber man erkennt auch an der Klarheit und Kraft der Linien, dass sie berühmte alte Darstellungen von (Heil)pflanzen wie etwa das "Kräuterbuch von 1543"
des Leonhart Fuchs und andere, weniger bekannte und auch zeitgenössische Kompendien studiert. Dabei sucht sie die Wuchsformen und auch das oft verborgene, mikroskopische Antlitz der Gewächse, um diese dann so groß zu zeichnen und zu malen, dass die Struktur und das Ornamentale uns gleich stark wie die üppige Farbigkeit in den Bann ziehen.

Ob in großformatigen Bildern, oft nur heftgroßen Tafeln und in einfachen Holzlatten verschiedner Höhe und Breite - den "Pflanzenlatten" - Sonia Steidle gelingt stets ein doppelter Wurf: Trotz der jeweiligen Isolation der einzelnen Gewächse ist überall die Vitalität, die Üppigkeit der wuchernden Natur mit anwesend. Das Sinnliche der Formen ist immer spürbar, der nachschiebende Wachstumsimpuls im bloßen Stengel unter der Blüte, die seltsame oder strotzende Erotik der pflanzlichen Fortpflanzungsorgane... Die wohltemperierte Wollust der Farben, welche die Natur ausbreitet, begleitet sie meist durch ein monochromen, hier fein, dort kräftig kontrastierenden Farbgrund. Dies sind keine akademischen Pflanzenschnitte und keine sanftmütigen Blümchenbilder, sondern farbige Kraftwerke analog zur Natur.

Regina Lange

Text zur Ausstellung "KunstNatur",      Liz Bachhuber, Cathy Choi, Sonia Steidle, Galerie Commercio, Zürich 2004

 

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Sonia Steidles Kunstformen der Natur

Dürfen wir das? Dürfen wir die Natur genießen im Augenblick ihrer formreichen und farbenprächtigsten Entfaltung? Dürfen wir sie beäugen in dem Augenblick, da sie ihre Kräfte des Wachstums und der Vermehrung konzentriert wie zur Selbstfeier. Dürfen wir ihre florale Fülle rahmen, vergrößern und ikonisch verdichten, so daß sie uns als Paradox einer fixierten, gebannten, penibel dargebrachten Verschwendung erscheint?

Was heißt hier dürfen?

Unser Unbehagen am Wohlgefallen speist sich, wenn es um Naturdinge geht, immer auch aus dem Hintergrundwissen, daß wir die Natur nicht nur ex post deformieren, wo nicht zerstören, sondern daß wir sie auch selbst konstruieren. Wir tun der Natur nicht nur etwas an, wir machen sie auch - und sei es schön. Man wird, was wir Natur nennen, nicht mehr genießen, ohne unsere, d.h. die menschliche Arbeit daran mitzusehen. Und deshalb entsteht Genuß an der Kunst im Umgang mit der Natur, genau dann, wenn diese Arbeit eingeht in die Darstellung. Dürfen wir also genießen, was uns als Naturform so augenblicklich überzeugt und wohlgefällt beim Anblick von Sonia Steidles Bildern?

Wir dürfen, weil diese Bilder die konstruktive bildnerische Geste mitinszenieren. Zum Beispiel, indem sie ganz reduzierte schematische Zeichnungen ins erotische Farbgeschehen einblenden. Das hat etwas von Röntgenaufnahmen, die man zur Lehrzwecken vor einen vollen Körper hält. Das ist nur ein Mittel, das zur Kunst Sonia Steidles gehört. Ein anderes ist die Variation. Auf einer Fläche entwickeln oder entfalten oder enthüllen oder entrollen sich mehrere verwandte oder kontrastierende Formen nebeneinander, syntagmatisch also. Die einzelnen Elemente bilden keine Abhängigkeitsverhältnisse, sie verknüpfen und befruchten sich nicht, sondern bilden im Kern Serien oder Reihen. Sehen Sie nur auf den gefleckten Aronstab. Grün ist hier nicht nur eine fruchtbarkeitsanzeigende, also Verschmelzung und Wachstum anzeigende Farbe, sondern fungiert auch als das Gegenteil: als Trennung, als Rahmen, als eine Art Schautafeleinfassung für - sagen wir es in einem Oxymoron - knospende Naturzitate. Und darin ist ein weiteres Mittel der Künstlerin eingeschlossen, den konstruktiven Zusammenhang ihrer gemalten Naturpracht zu betonen: die Isolierung von Pflanzen oder Teilen von Pflanzen von ihrem organischen Gesamtzusammenhang, erst recht von ihrer Umwelt. Der wachsenden, wuchernden, aufbrechenden Frucht gibt sie Rahmen. Rahmen im Plural. Oft tritt das Bild, das Gemälde selbst als Rahmen besonders scharf hervor, wenn es nämlich der gemalten Naturform wie ein Etui angepaßt ist. Das ist bei den Latten sinnfällig, die eine Einzigkeit eng umreißen. Eine extreme Entfremdung, kommt doch in der Vegetation das Einzelne nur als Ausnahme vor.

Indem wir einige Mittel erwähnt haben, mit denen Sonia Steidle uns die bildnerische Arbeit selbst demonstriert, haben wir auch ein zentrales Prinzip ihrer Inszenierungen berührt: den Gegensatz von lebendiger, oder besser: von uns als lebendig gewußter Kraft und ihrer Darstellung, die immer auch Zurichtung ist. Dieser Gegensatz ist nicht nur das produktive Unglück, welches aller Kunst zugrunde liegt, er bildet das eigentlich Feld der Arbeit von Sonia Steidle. Wie fasse ich, so könnte die Frage vereinfacht lauten, wie fasse ich - und das mit aller Enge des Begriffs gefragt - das, was alle Fassungen sprengt: die aufbrechende Naturkraft, den "Erbsentanz I-II" zum Beispiel oder den "vierfachen Beerentanz"? Wie also fasse ich das Sprengen der Fassung im Bild oder in Bildern? Von dieser Frage aus kann man ganz leicht und mit einem verwandelten Wohlgefallen in alle Richtungen ausgreifen. So versteht man leicht, wieso die über den Keilrahmen gespannte Leinwand bis in den letzten sichtbaren Winkel bemalt ist. Die Ranke am Rand kämpft mit ihrer Fassung, mit ihrer Einfassung. Wenn man es kalauernd, aber nicht ohne Sinn sagen will: die Ranke ringt um Fassung. Agonal ist diese Ringen allerdings nicht. Es hat etwas Spielerisches, etwas von lustvollem Ausreizen und Ausprobieren. Wie weit reiche ich, an welchem Punkt kehre ich, mich windend, zur Mitte zurück? Gesprengt wird die Leinwand dabei nicht, was ja eine der leichtesten Übungen der Moderne wäre. Mit einem Schmuckrahmen läßt sie sich allerdings auch nicht mehr verzieren. Die Balance der fliehenden und zentrierenden Kräfte bleibt gewahrt.

Diese Balance, ein Haushalten mit den Kräften, ein zwangloses Maßhalten überträgt sich auch auf die Empfindung des Betrachters. Es überträgt sich zweifellos das Jubilierende einer vegetativen Fülle, einer prokreativ aufgeladenen Schöpfung. Das macht jenes Wohlgefallen, jenen staunenden ersten Augenblick des Genießenes, nach dessen ästhetischer Lizenz wir eingangs fragten. Doch ohne daß die andere Seite des vitalen Aufbrauchs, ohne daß Welken und Vergehen, der Prozeß des Ablebens selbst dargestellt ist, trägt die sacht eröffnete Sichtbarkeit des Konstruktiven eine gewisse Traurigkeit in sich. Nicht am Motiv selbst, aber an der doppelbödigen Bildkonstruktion haftet etwas von der traurigen und schönen Magie der nature morte ...

Dürfen wir das genießen? Wir können gar nicht anders.

Dr. Hubert Winkels





Sonia Steidles Malerei

(Die folgenden Bemerkungen verdanken ihren Anlass einer Studie, die Dr. Hubert Winkels zu einer Werkschau in der Kunstgalerie Brüning+Zischke, Düsseldorf 1998, vorgelegt hat.)

Der Mensch und die Natur - was für eine dramatische Geschichte unversöhnlicher Gegensätzlichkeit: von Liebe und Hass, Ausbeutung und Vergewaltigung! Wie wollen wir es da mit den Einlassungen der bildenden Künste halten? Sonia Steidle sucht die Begegnung mit unserer Pflanzenwelt. Und wir sind auf der Stelle hingerissen davon: Sollen wir auf die Ebene armseliger Unterhaltung gezogen werden?

Ihre Bilder verfügen über genügend ästhetischen Reiz, um den Betrachter darin schwelgen zu lassen: Ihr kraftvoller Pinselstrich entfesselt einen Sturm an Formen, Farben und Formaten - in perfekter Übereinstimmung mit dem Überfluss und der Vorstellung, die ihr Gegenstand abliefert.

Dennoch kann es passieren, dass Sie, während Sie sich der überschwänglichen Schönheit hingeben, die sich da vor Ihren Augen entfaltet, von Fragen überrascht werden. Nehmen Sie z.B. die ziemlich verwirrende Technik, Bild in Bild zu schalten: Der unmittelbare Effekt ist der einer Verfremdung. Ideographische Notationen, die das konzeptuelle Abstrakt eines floralen Etwas gegen die Grobheit seiner wirklichen Erscheinung ausspielen, sind eher geeignet, das Vergnügen, das wir suchen, zu beeinträchtigen als zu befördern. Offensichtlich dienen sie dem Zweck, Abstand herzustellen. Ein Kunstgriff, um Fragen aufzuwerfen. (Das kann dann auch der Augenblick sein, der dem Betrachter schlagartig das mediale Paradox aufgehen lässt: Malerei ist der Versuch, dem Ereignis berstenden Lebens auf einer stummen, zweidimensionalen Leinwand oder Latte gerecht zu werden).

Die Künstlerin, weit davon entfernt, naiv zu sein, schreckt nicht davor zurück, sich in den uralten philosophischen Streit über Zeit und Vergänglichkeit einzumischen.

Und so ist es. Wenn wir bereit sind, die Einladung anzunehmen, führt sie uns auf den Spielplatz der westlichen Kultur und Zivilisation. Wir erinnern uns an Platon, der uns als Erster lehrte, zwischen dem faktisch Gegenwärtigen und einer vorgeschalteten Konzeption zu unterscheiden. Sofort in Beschlag genommen von der großartigen Versprechung, die mit der Annahme eines Ortes/Hortes "ewiger Ideen" einhergeht, machten sich Männer seiner Statur daran, das Angebot auszubeuten. Erst als es darum ging, die Suppe auszulöffeln, haben wir schließlich begriffen: Es waren diese Leute, die unsere Wahrnehmung von Dasein in Sein und Zeit an die nagende Enttäuschung auslieferten: Was ist uns die Welt noch anderes als das Ergebnis übler Pfuscharbeit? Oder ein böser Streich vielleicht? Die Sterblichkeit jedenfalls ist zum Beweis von Nichtigkeit geworden; und folgerichtig wandte sich gedankenschweres Leben bewusst praktizierter Selbstverachtung zu.

Keine Spur mehr von erbarmungswürdiger Lamentation in Sonia Steidles Bildern. Statt sich mit einem jenseitigen Vater anzulegen, der sich zuviel zugemutet hat, oder sich auf das eitle Pathos des Nihilisten verständigen zu lassen, bietet sie Versöhntheit an: Sie lehrt uns - unaufdringlich, wohlgemerkt!- dass die fliehende Zeit nichts damit am Hut hat, Feindseligkeit zu etablieren, oder ein Rehabilitationslager. Dass sie vielmehr Grund und Voraussetzung ist für die Einzigartigkeit und pralle Fülle eines jeden Lebewesens - und sei es nur das Unkraut, das wir mit Herbiziden bekämpfen/bekämpfen müssen. Zeit/Zeitlichkeit ist die Installation eines Spielplatzes. Du darfst nicht fragen, warum - du bekommst die Antwort nicht. Du solltest deine Spielzeit genießen. Mach dir keine Sorgen um den Ausgang: Es ist immer derselbe.

Betrachten Sie die Ranke, wie sie um ihr bisschen Leben kämpft. Weit davon entfernt, Gequältheit zu formulieren, feiert das Bild die am Schopf gepackte Gelegenheit, zu sehen, was sich machen lässt. Leben ist ein kraftvolles Sichversuchen; zuletzt zeigt es sich einverstanden mit den Dingen, wie sie nun mal laufen in Raum und Zeit; äußert gar ein entschlossenes >Danke!<.

Sonia Steidle weiß um das Geheimnis der Ausgewogenheit. Diskret nähert sie sich der Unergründlichkeit von Sein und Zeit. Traurigkeit ist ihr nicht fremd - aber sie wird nicht ans Triviale drangegeben. Melancholie, die sich nicht zur Depression verführen lässt. Ein Lied hellen Bewusstseins: Spielbewusstsein.